Typografie kann unter keinen Umständen Kunst sein

Mit diesem umgedrehten Postulat Kurt Schwitters, das im Original »Typografie kann unter Umständen Kunst sein« heißt, erreichen wir ein oft missverstandenes Gebiet. Das Zitat wurde häufig benutzt und für manche mag es angenehm sein, dass dadurch alles im Ungefähren und nicht so genau ausgedrückt bleibt. Und offensichtlich hat lange niemand Schwitters Gebote zur Typografie untersucht. Das ist aber inzwischen geschehen. Gerd Fleischmann hat im hannoverschen Theaterbuch Prinzenstraße Schwitters Thesen zur Typografie analysiert und kommt zu einem recht negativen Ergebnis.

 

Das so gern benutzte Zitat »Typografie kann unter Umständen Kunst sein« stammt aus Schwitters Thesen zur Typografie und stiftet ziemlich viel Verwirrung. Typografie und besonders die von »nicht Wissenden« ist eben keine Kunst, sondern gestaltendes Handwerk. In den letzten Jahrzehnten tauchten ja sehr oft Künstler auf, die mit Buchstaben arbeiteten. Deshalb wurden sie in der Kunstkritik häufig auch in die Nähe der Typografie eingeordnet. Doch macht die Verwendung von Schriftzeichen noch keinen Typografen, keine Typografin.

Kurt Schwitters war bildender Künstler, beschäftigte sich nebenbei und für den Broterwerb auch ein wenig mit Drucksachen und damit mit Typografie. Er hat 1924 in seiner Zeitschrift MERZ, der Typo-Reklame- oder Pelikan-Nummer, zehn Thesen zur Typographie veröffentlicht. »Die Kunstwissenschaft hat diese Thesen immer wieder zitiert und wie eine Monstranz vor sich hergetragen, bisher aber nie gefragt, was sie für die Typografie bedeuten« (Fleischmann). Bereits im Vortext heißt es bei Schwitters: »Mach es niemals so, wie es jemand vor dir gemacht hat«. Dass das im Fall von Typografie barer Unsinn ist, hätte man auch schon damals wissen können. »Heute beginnt die Reklame ihren Irrtum der Wahl von Individualisten einzusehen und bedient sich statt der Künstler für ihre Reklamezwecke der Kunst, oder deutlicher gesagt: DER TYPOGRAPHIE«, so nochmals Schwitters.

Im Grund bleibt nach der Analyse der zehn Thesen nichts Brauchbares für Gestalter. Fleischmanns Analyse geht auch auf Zeitgenossen und Tendenzen ein, die unsere Zeit betreffen. Im Übrigen spricht all dies nicht gegen Schwitters als großartigen bildenden Künstler.

 

Buchkunst, Buchdruckerkunst. Kunst?

Typografie und Kunst im Zusammenhang geistern durch die ganze Geschichte der Typografie. Zwar spricht man von der »Buchdruckerkunst« als Handwerkskunst, als »Schwarze Kunst«, was sicher einmal Bedeutung hatte, aber mit dem heutigen Begriff von Kunst nicht zu vereinbaren ist. »Aventur und Kunst« nannte Gutenberg 1439 (S. H. Steinberg) seine Erfindungen und dieser Begriff ist bis heute geblieben. Konrad F. Bauer nannte seine große Übersicht des Buchdruckgewerbes über 500 Jahre ebenfalls Aventur und Kunst. Dabei war aber vor allem immer das »Buchdruckergewerbe« genannt.

Typografie ist eher ein gestaltendes Handwerk. Vielleicht vergleichbar mit dem Möbelschreiner, der sein Objekt selbst entworfen hat. Und dort, wo die Typografie vor allem herkommt, im Buch, ist die Typografie dominant, hängt aber mehr mit Technik, Wirtschaftlichkeit und den angewandten Wissenschaften zusammen. Das Buch hat wesentliche Funktionen zu erfüllen: Übermittlung des Inhalts, Lesbarkeit, Handhabung, Übersichtlichkeit.

 

Paul Renner hat 1939 sein Lehrbuch Die Kunst der Typographie genannt. Seinen Begriff der Kunst sucht man im Buch jedoch vergeblich. So dürfte ganz traditionell die Handwerkskunst gemeint sein. Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis gibt klar die Themen der Technik und deren mögliche handwerkliche Gestaltung wieder: Einzelwort, Satzseite, Buch, Zeitschrift und Zeitung, Reihensatz, Feinsatz, Farbe, Fachausdrücke, Ordnung und Benennung der Schriften, so die Hauptkapitel. Noch nicht einmal der Begriff der grafischen Gestaltung taucht hier auf. 

Aufsätze und Vorträge über die Kunst des Buchdrucks aus zwei Jahrhunderten brachte die Maximilan-Gesellschaft 1971 heraus. Da der Titel des Buches Typographie und Bibliophilie hieß, wurde vielleicht vor allem das Grenzgebiet Bibliophilie gemeint. Was aber nicht der Fall war, da viele handwerklich »handfeste« Praktiker zu Wort kamen. Es scheint, dass der Unterschied der angewandten Gestaltung zur Bildenden Kunst lange ignoriert wurde. Doch bedeutet das nicht, dass das Streben nach Schönheit hinfällig wäre. John Baskerville spricht beim Schriftguss von Handwerk, nennt den gesamten Komplex der Buchgestaltung eben auch Kunst. Bei Johann Friedrich Unger geht es vor allem um Lesbarkeit. Friedrich Johann Justin Bertuch spricht vom Luxus der Typografie. Giambattista Bodoni beschreibt intensiv die Feinheiten seiner Verbesserung an der Schrift, unterscheidet aber das Schöne zum Guten und Nützlichen, nennt es im Gesamten dann auch Kunst. Und vielleicht wird jetzt schon klar, dass Buchkunst, Buchdruckkunst in den damals üblichen Formen der Kunst ihren Platz hatte. 

In den Beschreibungen der Typografie geht es immer um sehr handwerkliche Aspekte. Im Gesamten taucht dann immer wieder der Begriff der Kunst auf. Sachliche und optische Kriterien sind vordergründig. »Es ist ein Irrtum, bescheidenere Kunstformen – wie der Kalligraphie oder Typographie – eine nahe Verwandtschaft oder gar eine Übereinstimmung mit höheren Kunstformen wie Malerei oder Bildhauerei zuzuschreiben«, so Stanley Morison. Andere, wie Eric Gill (selbst auch Künstler), betonen das handwerkliche in der Typografie. 1904 schreibt Carl Ernst Poeschel: »Der Zweck der Kunst ist das Schöne, der des Handwerks das Nützliche«. El Lissitzky meint, »das sogenannte Technische ist aber untrennbar von dem sogenannten Künstlerischen …«. Jan Tschichold spricht 1951 von »Buchherstellung als kunst«, so sein Aufsatztitel, um sich dann auf die technischen und handwerklich praktischen Details einzulassen.

Typografie wird natürlich nicht zur Kunst, auch wenn die Künstler- Sozialkasse inzwischen Schriftsetzer, Programmierer und andere Berufe als Künstler bezeichnet, um daraus mehr Abgaben zu erzielen. Das ist vielleicht eine der schlimmsten und ignorantesten »Erhebungen« der Typografie zur Kunst.

 

Kunst und Werbung

Manchmal wird die Kunst für Typografie aus Marketing-Gründen eingesetzt. So hat tatsächlich Michael Schirner in den 90er Jahren Werbung als Kunst, gleichgesetzt mit der bildenden Kunst, verkündet.

»Seit jeher setzte sich der Künstler und Designer für die Überwindung der Grenzen zwischen angewandter und freier Kunst ein. Mit der Gleichsetzung von Werbung und Kunst, dem Prinzip der radikalen Reduktion von Bild und Text, der Sichtbarmachung des Unsichtbaren, der Arbeit an der Selbstabschaffung des Künstlers als Autor erneuerte er Kunst und Werbung«. So ein eher zwiespältiger Eintrag in Wikipedia

 

Und Eva Heller sagt: »Die Konsequenz der Forderung, den Verbraucher als intelligentes Individuum wahrzunehmen, ist intelligente Werbung. Werbung könnte die Kunstform unserer Zeit sein. Wahrscheinlich sogar die Form von Kunst, die unserer Zeit am angemessensten ist. Die Industriekonzerne besitzen die Macht der Herrscher des Mittelalters. Damals ließen sich die Mächtigen in der Kunst feiern, die heutigen Machthaber stellen sich in der Werbung dar, jener Kommunikationsform, die Symbol geworden ist für die Abwesenheit von Kultur. Warum ist das so? Was spricht dagegen, die Werbung zu einer Kunstform zu machen? Oder wenigstens zu einer Form der Unterhaltung, die es wert ist, sich darüber zu unterhalten«.

Dabei sind die Bedingungen von Künstler und Gestalter eindeutig unterschiedlich. Der typografische Gestalter muss darauf achten, dass trotz aller Attraktion der Ansicht seiner Arbeit die Kommunikation auch funktioniert. Und um diese Aufgabe geht es primär bei angewandter Gestaltung. Die Handwerksvergessenheit führt allerdings auch nur zu mangelhaften Ergebnissen. Der handwerkliche Bezug der Typografie spricht auch dagegen. Setzen mit Bleibuchstaben, Maschinensatz, Lichtsatz, digitaler Satz; der handwerkliche Bezug ist überragend.

 

Typografen ohne Kunst

Viele der großen Typografen des 20. Jahrhunderts haben sich eindeutig geäußert. Kurt Weidemann, aus seinen 10 Geboten zur Typografie, nicht ganz eindeutig:

»1 Typographie ist die Kunst des feinen Maßes. Ein Zuwenig und Zuschwach entfernt sie ebenso von der Meisterschaft wie ein Zuviel und Zustark.

2 Typographie ist eine Dienstleistung. Die Kunst dabei ist vor allem die Kunst, von sich selbst weitgehend absehen zu können, sich nicht zwischen Autor und Leser zu drängen. Schriftkunst ist anonym; sie hat ihre Kenner, aber sie hat kein Publikum.«

Hans Peter Willberg, als Buchgestalter und Meister der Genauigkeit auch in seiner Lehre, zeigt mit seinem Buch Lesetypografie (zusammen mit Friedrich Forssmann) eine enorme Bandbreite der Typografie, der Details und der Gestaltung. Er nimmt Künstler-Bücher davon aus, ebenso kalligraphische Bücher. Willberg verteidigt 1993, dass seine Bücher unterschiedlich aussehen. »Viele Typographen erkennt man an ihren Büchern, auf den ersten Blick. Die verfeinerte Differenziertheit und Subtilität eines Gotthard de Beauclaire, die doktrinäre Kühle eines Otl Aicher, die noble Konsequenz Richard von Sichowskys, die typografische Instrumentierung von Jürgen Seuss, oder die zurückhaltend-aktive Modernität der Bücher von Jost Hochuli sind typische, sie sind zu »Markenzeichen geworden … Sie fragen ausschließlich sich selbst, wie sie das Buch erleben und folglich meinen, gestalten zu müssen«.

Max Caflisch, der die Typografie für seine von ihm gestalteten Bücher sehr bescheiden als »Angaben zum Satz« bezeichnete, wirkte mit seiner Buchtypografie beispielhaft in bestem traditionellen Sinn. Und auch in der Moderne der Schweizer Gestaltung, wie bei Emil Ruder oder Hans Rudolf Bosshard, findet man keinen Hinweis auf die »Kunst«. Intuition als Gegenpart zur Regel ist auf der »Suche nach der typografischen Schönheit« der Gestaltung verpflichtet. Darauf setzt Bosshard beispielsweise ein »mathematisches Denken« an.

Gerd Fleischmann schrieb mir zum Thema Kunst und Typografie:
»Ich mache es mir bei der Frage Typografie/Kunst einfach: Der Kunst als Zeichensystem, wie wir sie heute erleben, fehlt die pragmatische Dimension. Typografie dagegen hat immer einen Zweck, ein definiertes und im Idealfall nachprüfbares Kommunikationsziel. Wogegen die Kunst zuallererst eine Sicht des Künstlers bzw. der Künstlerin auf die Welt ist. Dazu gehört auch deren Schau nach innen – die Welt in der Selbstbespiegelung. Beiden gemeinsam sind die semantische und die syntaktische Dimension. Die Betonung der syntaktischen Dimension war ja auch die Gemeinsamkeit der (konstruktivistischen) Kunst und der (neuen) Typografie vor fast 100 Jahren, Stichwort »bauhaus«.

  

Typografie in der Kunst verwendet

Dagegen umfasst Typografie, die in der Kunst verwendet wird, in der Kunst etwas ganz anderes. Bilder mit Schriftzeichen (oft schon deswegen als Typografie bezeichnet) sind Bilder, die einen Bereich von Typografie verwenden. Aber sie werden dadurch trotz ihrer Schönheit noch nicht zu Typografie, weil dabei die gegebenen Ziele und Funktionen der Typografie fehlen. Ganz egal, ob die Buchstaben gezeichnet, gemalt oder als Collage verwendet werden. Die wunderbare Ausstellung in Karlsruhe 2013 Zeichen, Sprache, Bilder zeigt ja auch nichts anderes, als dass Künstler Buchstaben mit einbeziehen. In der Konzeptkunst mag allein das Objekt mit Schrift genügen. Es ist wunderbare Kunst, aber nicht Typografie, selbst die schönen typografischen Konstruktionen von Ferdinand Kriwet sind vor allem Kunst – unter Einbeziehung typografischer Mittel. Die Nähe zur eigentlichen Typografie zeigt sich jedoch besonders in manchen Arbeiten der Futuristen oder bei Stéphane Mallarmé und Guillaume Apollinaire. 

Ulysses Voelker befasst sich in seinem lesenswerten Buch read + play im Kapitel, das »Typografie kann unter Umständen Kunst sein« heißt, mit der schwierigen Beziehung Typografie und Kunst. Er sieht in Otl Aichers ausschließlicher Grenzziehung zur Kunst keinen Bestand. Er nennt Künstler und Arbeiten, die mit Schrift und Text arbeiten, besonders die Experimente der 80er und 90er Jahre, und meint, dass diese zielgruppenorientiert und zeitgemäß gestaltet hätten und somit zur Typografie gehörten. Es folgt eine ausführliche Darstellung der faszinierenden Entwicklung der Kunst mit Buchstaben. Würde man die Verwendung von Buchstaben schon als Typografie bezeichnen, hätte Voelker Recht. Aber ist eine Verwendung von Zeichen für Texte oder Textfragmente schon Typografie? Wobei wahrscheinlich viele Typografen fasziniert von diesen Kunstrichtungen sind – auch ich.

Wären Künstler auch Typografen, würden sie sich vielleicht auch die vielen schlecht gestalteten Prospekte über ihre Kunst nicht gefallen lassen. Vieles im hoch wirtschaftlich ausgerichteten Kunstbetrieb tritt betont feierlich auf. Eindruck geht vor Funktion. Botschaften werden nicht besser vermittelt, nur weil sie als mittelachsiger Versaliensalat auftreten. 

  

Designobjekte

Als ein verwandtes Problem kann man in der Kunstszene des 20. Jahrhunderts die Designobjekte sehen. Gemeint ist diese seltsame Übertragung, wo Objekte, die ähnlich denen von Produktdesignern gestaltet waren, von Künstlern geschaffen oder verfremdet werden. Solche Designobjekte wurden zu Kunst erklärt, sind es wohl auch, da sie keinem Zweck verpflichtet sind.

 

Kalligrafie, Lettering und Künstlerbücher

Typografie hat eine dienende Funktion, sie muss den Zweck, die Botschaft vermitteln und sich deswegen unterordnen. Die Rolle der Kalligrafie ist gegenüber der Typografie ganz anders ausgerichtet. Kalligrafie bedeutet handschriftliches, gestaltendes Schreiben und ist sicher eher eine künstlerische Tätigkeit und beschäftigt sich nicht mit vorgefertigten Schriften.

Während das heute so populäre »Lettering« ein an Buchstaben interessiertes Publikum bedient, hat es recht wenig mit Typografie zu tun. Lettering benutzt unterschiedlichste Buchstabenformen, setzt Fantasie frei und ist ein in sich geschlossenes Freizeitvergnügen.

Künstlerbücher werden generell von Künstlern gestaltet und hergestellt. Hierbei kann unter Umständen Typografie mit eine Rolle spielen, muss es aber nicht.

 

Designkritik

Gestalter nennen sich gerne Designer. Ein Begriff, der aus dem Englischen übernommen wurde, obwohl es klarere Begriffe gäbe. Selbst der erblichene Begriff des Gebrauchsgrafikers war eindeutiger. Die Wandlung also über den Grafikdesigner zum Kommunikationsdesigner entspricht immer einem Anhebungsversuch des Berufsstandes. Von Typografen redet niemand. In der Kunst gibt es den Kurator, der früher still und intensiv die Kunstarbeiten gepflegt hatte. Dagegen hat der Begriff des Ausstellungsmachers seit Harald Szeemann ein neues Gewicht und gilt seitdem als der schickere Begriff. Neuerdings gibt es allerdings Kuratoren auch für Bücher. Das bezeichnete man früher schlicht als Herausgeber. Und wenn eine berufliche Tagung nicht geleitet, sondern »kuratiert« wird, ist sie dann besonders?

Designprozesse und Kreativität erleben eine analytische Kritik, unabhängig von einer sich vielleicht anbahnenden Designkritik. Kreativität wird hinterfragt, obwohl oder gerade, da heute alle Welt kreativ sein will (was sie in der Basis ja tatsächlich alltäglich sein kann). Die Aussage von Joseph Beuys »Jeder ist ein Künstler« als Metapher behauptet, könnte auch als leichtsinnig bewertet werden. Es geht darum, was das »Schöpferische« sein könnte. Gabriel Tarde, ein Soziologe des 19. Jahrhunderts, hat mit seinem Buch Die Gesetze der Nachahmung, das bereits 1890 erschienen ist, einiges dazu beigetragen oder vorbereitet. Demnach besteht ein wesentlicher Teil unseres Tuns in der Nachahmung und Imitation von Ähnlichkeiten.

Der Philosoph Daniel Martin Feige schreibt: »Design ist nicht schlechtere oder bessere Kunst, wie Kunst nicht besseres oder schlechteres Design ist». Kunst wird anders gewürdigt als Designgegenstände. Design, und damit auch Typografie, hat zu funktionieren und deshalb ergeben sich auch ganz andere Erfahrungen als mit Kunst. Designgegenstände gehören zu unserer Alltagswelt. Sinnliche Wahrnehmung allein reicht eben bei gestalteten Gegenständen nicht aus.

Anhand eines Buchcovers beschreibt Feige, wenn dies verstanden, also wirklich »gelesen« wird, werden die Entscheidungen der visuellen Gestaltung und nicht nur der Wortsinn verstanden. »Typografie meint die Form der materiellen Verkörperung von Buchstaben als eines Mediums sprachlichen Sinns und nicht diesen selbst«.

»Denkt man … [an] die Typografie der Texte, die wir lesen, so wäre die Vorstellung seltsam, dass wir die ästhetischen Eigenarten dieser Gegenstände kontemplativ und um ihrer selbst willen wahrnehmen. Was passiert, wenn Typografie im Museum ausgestellt wird. Ästhetisches Funktionieren und der Gebrauch erfüllen sich beim Lesen eines Buches gleichzeitig« (S. 142). Feige kommt zu dem Schluss, dass Kunst betrachten »ein Bruch zu unserer alltäglichen Praxis« bedeutet. Kunst bestimmt sich selbst, hat bisweilen einen kreativen Schöpfungsmythos, der mit der Alchemie verwandt sein könnte. Dies ist beim Betrachten von Designgegenständen, »einer Welterschließung«, wozu Typografie und Arbeiten des Kommunikationsdesigns gehören, nicht der Fall.

 

Mit der Kreativität und der Ästhetisierung der Gesellschaft setzt sich Andreas Reckwitz auseinander. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung über »Kreativwirtschaft« sieht Reckwitz beispielsweise Werbung als »… strikt arbeitsteilig strukturiert und versteht sich gerade nicht als eine »kreative«, sondern als eine quasiwissenschaftliche Unternehmung«. Schließlich geht es hier hauptsächlich um Konsumentenbeeinflussung. Doch entwickelte sich ab den 60er-Jahren eine »durchästhetisierte Werbung«. Künstler werden damit auch zum Vorbild von Werbern.

Während Design für Produkte sich aus der Oberflächengestaltung zum Funktionalismus entwickelte und später zu einem »ästhetischen Mehrwert« wurden, der durchaus von der Kunst beeinflusst war. Doch geht der Weg weiter zu einer Designökonomie, die auch das Grafikdesign und somit Typografie mit beinhaltet.

 

Typografie und deren Gestaltung kann informierend, anregend, funktionierend sein. Das kann viel bewirken. Der Anspruch, dass das Kunst sein soll, greift ins Leere oder ist unmotiviertes Angebertum.

 

 

Literatur


Konrad F. Bauer: Aventur und Kunst. Frankfurt am Main 1940
Otl Aicher: schreiben und widersprechen. Berlin 1993
Otl Aicher: analog und digital. Berlin 1991
Otl Aicher: die welt als entwurf. Berlin 1991
Hans Rudolf Bosshard: Regel und Intuition. Göttingen 2015 
Eberhard Delius: Die schwarze Kunst – heute. In: Kursbuch, Heft 133, Thema »Das Buch«. Reinbek 1998
Daniel Martin Feige: Design. Eine philosophische Analyse. Berlin 2018
Gerd Fleischmann: Alles Theater? Kurt Schwitters über Typografie. In: »Schlagkraft der Form« Kurt Schwitters. Theater und Typografe. Reihe prinzenstraße. Hannoversche Hefte zur Theatergeschichte, Doppelheft 17. Hannover 2018, S. 131–156
Andreas Reckwitz: Die Erfindung der Kreativität. Berlin 2012
Paul Renner: Die Kunst der Typographie. Berlin 1939. (als Nachdruck: Augsburg 2003) 
Emil Ruder: Typografie. Niederteufen 1967
Michael Schirner: Ich, Kunst, Autor, Werbung. In: Imitationen. Museum für Gestaltung Zürich 1989
Michael Schirner: Werbung ist Kunst. München 1989
Richard von Sichowsky; Hermann Tiemann (Hrsg.): Typographie und Bibliophilie. Hamburg 1971
S. H. Steinberg: Die Schwarze Kunst. München 1958 und 1988
Gabriel Tarde: Die Gesetze der Nachahmung. (1890) Berlin 2009
Ulysses Voelker: read + play. Mainz 2015
Kurt Weidemann: Wo der Buchstabe das Wort führt. Ostfildern 1994
Hans Peter Willberg: Das Buch ist ein sinnliches Ding. Leck 1993
Hans Peter Willberg: Typolemik/Typophilie. Streiflichter zur Typographical Correctness. Mainz 2000
Hans Peter Willberg; Friedrich Forssman: Lesetypografie. Mainz 1997
Zeichen. Sprache. Bilder – Schrift in der Kunst seit 1960. Ausstellungskatalog, Karlsruhe 2013

[Dieser Beitrag wurde für das Magazin Schwarzdenker gekürzt und entsprechend redigiert. Victoria Sarapina hatte mich zuvor ermuntert, diesen Beitrag zu schreiben. Mit dem Thema hatte ich mich zuvor schon länger beschäftigt. Für die Durchsicht der Langform des Textes danke ich Gerd Fleischmann]